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Zeittafel Sowjetunion

Grundeinführung über den Kommunismus in der ehemaligen Sowjetunion
und in die Geschichte der Russlanddeutschen

Zitat:
"Wir, die Kommunisten, mit unserem Programm und all unserer Politik, die in der sowjetischen Gesetzgebung zum Ausdruck kommt, skizzieren letztendlich den einzigen Weg sowohl für die Religion als auch für alle ihre Vertreter:
Ihr Weg ist der Weg ins Archiv der Geschichte."
P. A. Krasikov, Zeitung Iswestija, 14. Dezember 1919

Nachdem die Bolschewiki 1917 die Macht im Land ergriffen hatten, stellten sie sich sofort die Aufgabe, alle Religionen zu beseitigen.

Die Erfahrung hatte gezeigt, dass direkter Terror das Problem nicht löst: Die Autorität der verfolgten Kirche nahm nur zu. Daher ergriffen die Behörden 1922 besondere Maßnahmen. Trotzkis Hauptidee war es, die Geistlichen herauszugreifen, die bereit waren, direkt mit den Behörden zusammenzuarbeiten, und den Rest mit ihren Händen „zu Fall zu bringen“. Danach würden sie auch die Kompromißler liquidieren.

Gleichzeitig begann eine Massenvertreibung nach Norden und das Solovetsky-Lager wurde eröffnet, wohin viele kamen - von einfachen Laien bis zu Bischöfen. Die Repressionen nahmen zu besonders seit 1927. Nun mußten Bischöfe und Geistliche die volle verdeckte Kontrolle der Staatssicherheit über das Personal und alle Angelegenheiten der Kirche akzeptieren, um öffentlich den kirchlichen Dienst vollziehen zu können.

1929-1930: Im ganzen Land wurden die Bauern weggebracht und Kollektivwirtschaften organisiert, es kam zu Massenrepressionen unter Gläubigen und Geistlichen. Von diesem Moment an nahmen die Repressionen von Jahr zu Jahr zu, das Lagersystem weitete sich schnell aus.

1937-1938 wurden die Jahre des sogenannten Großen Terrors. Nur 4 Bischöfe blieben noch frei.

Allein in Moskau und nur auf dem Übungsplatz Butowo wurden 20.700 Menschen erschossen. Die vollständige Auflösung der Kirche wurde nur durch den 2. Weltkrieg von 1941-1945 verhindert.

Auch nach dem Krieg gab es Verfolgungen: besonders während der Herrschaft von N. S. Chruschtschow in den frühen 1960er Jahren. In einigen Gebieten wurden bis zu 90 % der verbleibenden Kirchen geschlossen. Die Obrigkeit verdrängte die Kirche zunehmend aus dem gesellschaftlichen Leben. Aber trotz allem war es nicht möglich, die Kirche zu liquidieren, und seit 1988 sind wir - zweifellos durch die Gebete und Taten der neuen Märtyrer - Zeugen und Teilnehmer einer kirchlichen Erweckung.



Aus der Geschichte der Rußlanddeutschen

Die Geschichte der Deutschen in Russland ist lang und erstreckt sich über viele Jahrhunderte.

Russen und Deutsche waren schon früh miteinander verbunden, vor allem politisch, kulturell und wirtschaftlich. Schon seit dem Mittelalter siedelten sich Kaufleute in Nowgorod im Gebiet des Kiewer Rus an. Später zog es viele Deutsche auch nach Moskau (ab. 16. Jh.) und ab dem 18. Jh. besonders nach St. Petersburg unter Peter I.. Die weitaus größte Gruppe der Deutschen in Russland waren die Nachkommen der Kolonisten, die in der Folge der Siedlungspolitik Katharinas II. (Einladungsedikt 1763) nach Russland kamen. Laut ei-ner Volkszählung von 1897 gab es eine Million deutsche Kolonisten in Russland. Sie siedelten vor allem an der Wolga, im Schwarzmeergebiet, in Wolhynien, den Ostseeprovinzen, im Weichselgouver-nement sowie an anderen Stellen des Vielvölkerreiches.

Deutsche arbeiteten nicht nur in landwirtschaftlichen und handwerklichen Berufen, als Unternehmer, Bankiers oder Kaufleute, im Medizinwesen und in der Wissenschaft, sondern wirkten auch im Staats- und Militärdienst bis in höchste Ämter. Sie schufen Fabriken, große deutsche Firmen siedelten sich an und Banken investierten in Rußland. Eigene Zeitungen erschienen, es gab wissenschaftliche und kulturelle Zentren sowie soziale Einrichtungen und auch eigene Verwaltungen. Schon früh entstanden an verschiedenen Orten vor allem evangelisch-lutherische aber auch andere christliche Gemeinden. In Odessa gab es z. B. ein kirchliches Zentrum „Lutherischer Hof“ mit Kirche, Schule, Waisenhaus, Altersheim und Krankenhaus.

Insgesamt leisteten die Rußlanddeutschen einen überaus wertvollen und unersetzbaren Beitrag zum Aufbau und zur Modernisierung des Landes in jeder Beziehung.

Der innere Feind

Alexander II. führte ab 1871 verschiedene Reformen durch, mit denen der Sonderstatus der deutschen Siedler aufgehoben und sie der russischen Bevölkerung gleichgestellt werden sollten. Dazu kam auch die Verpflichtung zum Militärdienst und die Aufhebung der deutschen Sprache als Amtssprache. Es galt nur noch Russisch. Man betrachtete die Ausbreitung der deutschen Siedler zu dieser Zeit mit gro-ßer Sorge und ihr wirtschaftlicher Erfolg ließen Neid aufkommen. Der großrussische Nationalismus und Panslawismus verbreitete sich immer mehr. - Daraufhin gab es unter den Siedlern viele Auswan-derungen nach Nord- und Südamerika. Zwischen dem Deutschen Reich und Rußland gab es eine zunehmende Entfremdung.

1914 als der 1.Weltkrieg ausbrach, änderte sich das Leben der Russlanddeutschen schlagartig: Über 300.000 von ihnen dienten in der russischen Armee. Trotzdem galten die Deutschen nun als ‚innerer Feind‘. Um diesen Feind zu bekämpfen wurden tausende Deutsche in den Osten des Landes depor-tiert. Die deutsche Presse und Sprache wurde (weitgehend) verboten ebenso Zusammenkünfte, Un-ternehmen wurden aufgelöst. In Moskau und St. Petersburg kam es 1914 sogar zu Pogromen.

Oktoberrevolution

Ende Oktober 1917 eroberten die Bolschewisten die Macht. Die Deutschen wurden nun automatisch Bürger der russischen Sowjetrepublik. Es entstanden einige gesonderte Gebiete z. B. die „Republik der Wolgadeutschen“. Doch auch hier währten Schrecken und Verwüstungen durch die kommunistische Kriegspolitik in dem der Revolution folgenden Bürgerkrieg und auferlegte wirt-schaftliche Zwänge. So kam es zu einer gewaltigen ersten Hungerkatastrophe( trotz ausländischer Hilfe), der eine zweite folgte nach der Kollektivierung der Landwirtschaft nach 1929.Viele trafen Ver-folgung und harte Strafen. Etwa 50 000 selbstständigen Bauern, die sich wehrten, wurden deportiert.

Noch härter waren die Deutschen durch die "stalinschen Säuberungsaktionen" zwischen 1934 und 1939 betroffen. Oft wurden mehr als die Hälfte aller deutschen Männer verhaftet.

Zweiter Weltkrieg und stalinistischer Terror

Von August 1941 bis Januar 1942 wurden 894.626 Angehörige der deutschen Minderheit aus dem europäischen Teil des Landes nach Sibirien, Kasachstan und Mittelasien deportiert und zur Zwangsar-beit in den Baubataillonen verpflichtet. In der zweiten Phase der Deportation wurden die Deutschen am 17. März 1942 aus der Blockade von Leningrad (vormals St. Petersburg) deportiert.

Im Januar und Februar 1942 wurden die noch verbliebenen Männer, im Oktober auch die Frauen (nicht jedoch die Mütter von 1- bis 3-jährigen Kindern) in die so genannte Arbeitskolonne eingezogen. Über 315.000 Deutsche mussten von 1942 bis 1945 in der Arbeitskolonne arbeiten. Das waren 9 % der gesamten Zwangsarbeiter, die den NKWD (Innenministerium) unterstellt waren.

Die Menschen in der Arbeitskolonne arbeiteten wie in einem Gefangenenlager: unter strenger Bewa-chung, sie mussten Schwerstarbeit leisten und sie waren dem psychischem Druck ihrer Vorgesetzten ausgesetzt.

Mit dem Beginn des Hitler-Angriffs auf die Sowjetunion 1941 wurden die Deutschen in der Sowjet-union unter die Aufsicht der sogenannten Sonderkommandantur gestellt. Sie durften ihren Wohnort nicht ohne Genehmigung des Kommandanten verlassen. Von 1945 bis zum Sommer 1956 durften sie die Grenzen ihres Kreises nicht überschreiten. Die Verletzung dieser Vorschrift wurde mit 20 Jahren Zuchthaus bestraft. Laut Erlass des Obersten Sowjets von 1948 waren die Deutschen "auf ewige Zei-ten verbannt und der Sonderkommandantur unterstellt". Das war der Höhepunkt der Entrechtungspolitik der Deutschen in der UdSSR.

Entspannung

1953 starb Stalin. 1955 besuchte Adenauer erstmals seit dem Krieg Moskau, diplomatische Beziehun-gen zwischen Moskau und Bonn wurden wieder aufgenommen.

In der Folge erließ der Oberste Sowjet der UdSSR am 13. Dezember 1955 das Dekret "Über die Auf-hebung der Beschränkungen in der Rechtsstellung der Deutschen und ihrer Familienangehörigen, die sich in den Sondersiedlungen befinden".

Mit diesem Dekret wurde die Kommandantur abgeschafft, die Menschen durften sich wieder frei be-wegen, konnten Verwandte und Bekannte besuchen. Sie durften jedoch nicht in ihre alten Wohnorte zurückkehren und auch keinen Anspruch auf ihr ehemaliges Vermögen erheben. Diese Vorschriften wurden erst 1972 geändert.

Viele Deutsche zogen nach der Aufhebung der Kommandantur aus den kalten Regionen Sibiriens und des hohen Nordens in wärmere Gebiete Mittelasiens und Kasachstans. Es gab wieder einige deutsche Zeitungen (1957 "Neues Leben" in Moskau, "Rote Fahne" 1955 im Altai). 1960 erschien der erste Sammelband deutscher Autoren. Schon seit 1944 knüpften Gläubige erste Kontakte zu Glaubensbrüdern im Ausland. Seit 1958 konn-ten deutsche Schüler wieder Deutsch als Muttersprache lernen. Am 29. August 1964 verabschiedete das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR den Beschluss "Über die Abänderung des Erlasses des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 über die Umsiedlung der Wolgadeutschen".

Mit diesem Beschluss wurden die Russlanddeutschen vom pauschalen Vorwurf des Verrats freige-sprochen. Aber sie durften immer noch nicht in die alten Wohnorte zurückkehren oder die Autonome Wolgadeutsche Republik und die deutschen Rayons mit gemischt-nationaler Bevölkerung wieder herstellen.

Die großen Bevölkerungsverschiebungen, die Deportationen und auch die Binnenwanderungen nach 1954 veränderten sowohl die Wohngebiete als auch die Sozialstruktur der Deutschen. Die wirtschaft-lichen Tätigkeiten änderten sich ebenso wie die sozialen, sprachlichen und kulturellen Bindungen und Orientierungen. So stieg der Anteil der deutschstämmigen Stadtbewohner in den Jahren 1947-57 von 15% auf 50 %. Der Anteil der deutschstämmigen qualifizierten Arbeiter in Industrie und Bergbau, der Ingenieure und Techniker, der Mediziner wie überhaupt der akademischen Berufe stieg steil an.

Hand in Hand ging damit jedoch auch ein fortschreitender Verlust an nationaler und kultureller Identi-tät. Bei der Volkszählung 1989 ließen sich rund zwei Millionen sowjetische Einwohner als Deutsche eintragen. Von ihnen gaben jedoch nur 48,7% Deutsch als Muttersprache an. 1926 waren es noch 94,9%, 1939 noch 88,4 % und 1979 immerhin noch 57%.

Russlanddeutsche Auswanderung

Bis zum ersten Weltkrieg sind schätzungsweise 300.000 Deutsche aus Russland ausgewandert – hauptsächlich nach Amerika (Kanada, USA, Brasilien, Argentinien).

Der Erste Weltkrieg, die Oktoberrevolution und deren Folgen, Enteignungen, Verbannungen 1929 bis 1932 und Verhaftungen 1934 bis 1939 unter Stalin, die Ereignisse und Schicksalsschläge durch den Zweiten Weltkrieg und dessen Folgen - das alles hat dazu geführt, dass die meisten Deutschen in der Sowjetunion keine Heimat mehr sahen. Seit den 1960er Jahren wollten zunehmend mehr Menschen auswandern: Bis heute sind über 4,5 Millionen deutschstämmige Menschen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik eingewandert.Die Einreise in die Bundesrepublik ist den Russlanddeutschen nach dem Bundesvertriebenengesetz möglich. Rechtlich werden sie als Aus-siedler und Spätaussiedler aufgenommen. Die meisten von ihnen erhalten bereits nach einem Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Integration aber dauerte und dauert länger. Heute, nach über 25 Jah-ren, kann man sagen: Sie ist erfolgreich.

Besonders die Geschichte während und nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Russlanddeutschen, so verschieden sie waren, durch ein Schicksal zusammengeschweißt. Ihre Geschichte ist eine andere als die der Deutschen aus Deutschland. Aber sie ist auch eine deutsche Geschichte.